FÜNF FRAGEN AN DEN VORSTAND – im Dialog mit Stakeholdern GRI 102-14
Frage 1: Wie kann die GESOBAU bei ihren Neubauaktivitäten ihre Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen und zugleich günstig Bauen?
(Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsektretär Rat für Nachhaltige Entwicklung)
Jörg Franzen: Die GESOBAU ist ein kommunales Wohnungsbauunternehmen, für das nicht nur ökonomische Faktoren wichtig sind, sondern auch ökologische und soziale Aspekte rund um das Thema Wohnen. Wir beziehen daher bei allen unseren Baumaßnahmen auch Nachhaltigkeitskriterien ein. Unter diesem Aspekt entwickeln wir die bestehenden Quartiere weiter und integrieren neue Strukturen. Denn wir bauen für ein Berlin, in dem die Menschen nicht nur heute, sondern auch in der Zukunft gerne leben wollen.

Jörg Franzen, Vorstandsvorsitzender
Christian Wilkens, Vorstand (v.l.)
Christian Wilkens: Und wie das genau aussieht, das wollen wir als Wohnungsbauunternehmen natürlich nicht alleine entscheiden. 2018 stand deshalb das Thema Partizipation in unserem Fokus. In diesem Feld werden wir uns auch in Zukunft stark engagieren. Wir sind davon überzeugt, dass wir bei unseren Bauprojekten langfristig eine höhere Qualität und Akzeptanz erreichen, wenn wir Anwohner und lokale Akteure aktiv einbeziehen. Bei der Umsetzung der Entwicklung des „Stadtguts Hellersdorf“ gelingt uns dies zum Beispiel schon sehr gut. Hier haben wir mit ganz verschiedenen Veranstaltungsformaten passgenau und frühzeitig den Austausch mit den Hellersdorfern gesucht und gefunden.
Jörg Franzen: Zudem beobachten und berücksichtigen wir auch Trends, wie den demografischen Wandel oder die Digitalisierung, die unsere Städte immer stärker beeinflussen werden. Unseren Auftrag, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, können wir daher nur realisieren, wenn wir innovativen Ideen Raum geben. Ein Beispiel für innovative Ideen im Bereich Neubau ist der Typenbau, den wir zusammen mit den anderen landeseigenen Wohnungsbauunternehmen entwickelt haben. Durch diese Bauweise können wir Planungs- und Bauzeiten verkürzen und die Produktion hoher Stückzahlen kann die Herstellungskosten eindämmen. Es ist nicht mehr nur die Bausubstanz, die die langfristige Qualität unserer Gebäude bestimmt. Auch die finanziellen, ökologischen und sozialen Kosten im Verlauf ihres Lebenszyklus und ihre Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche Entwicklungen sind heute sehr wichtig. Dadurch wollen wir den Anforderungen heutiger und künftiger Bewohner gerecht werden und zugleich die Vorgaben der Wohnraumförderung erfüllen.
Christian Wilkens: Zu den ökologischen Maßnahmen gehört zum Beispiel auch die Reduzierung der Betriebskosten unserer Mieter: die Energieeffizienzstandards im Neubau und energetische Modernisierungen ermöglichen die Reduktion von Energieverbräuchen, und Photovoltaik anlagen auf einem Teil unserer Dächer lassen uns preiswert und umweltfreundlich Strom produzieren. Über ökologische Maßnahmen gewährleisten wir aber auch die Gesundheit und Sicherheit unserer Mieter. So legen wir beispielsweise großen Wert auf den Einsatz umweltfreundlicher und gesundheitlich unbedenklicher Materialien sowie auf eine umweltverträgliche Beseitigung von Bauabfällen. Außerdem berücksichtigen wir unterschiedliche Lebensstile und Bedürfnisse, beispielsweise nach barrierearmen Wohnformen oder Gemeinschaftsflächen.
Frage 2: Im Rahmen der intensivierten Bereitstellung von Wohnraum haben sich auch die partizipativen Anstrengungen verstärkt. Wie bewertet die GESOBAU diese Veränderungen im Hinblick auf die städtebauliche Qualität und Akzeptanz von Bauvorhaben?
(Dagmar Pohle, Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf )
Jörg Franzen: In den vergangenen Jahren haben wir erste Partizipationsprozesse initiiert, von denen zum jetzigen Zeitpunkt noch viele laufen. Der erste Bebauungsplan im Rahmen eines Partizipationsverfahrens für das Stadtgut Hellersdorf steht erst kurz vor dem Abschluss. Deshalb können wir im Moment nur eine vorläufige Zwischenbilanz ziehen, die aber positiv ausfällt: Das Interesse an Beteiligung ist vorhanden. Wir merken deutlich, je direkter die Betroffenheit, desto größer ist das Interesse. Und es zeigt sich, dass die Beiträge sowie das Wissen der Partizipierenden über die lokalen Gegebenheiten für die Planung und Entwicklung von Bauprojekten sehr wertvoll sind. Bürgerdialoge führen auch zu Austausch untereinander.
Christian Wilkens: Herausfordernd ist für uns bei diesen Prozessen, die Vorgaben aus der Politik beispielsweise mit den Bedürfnissen der Bewohner in Einklang zu bringen. Dazu zählen zum Beispiel die Vorgaben zu Nachverdichtungen oder Unterkünften für Geflüchtete. Wir sind davon überzeugt, dass wir durch den direkten Dialog langfristig die besten Ergebnisse für alle Beteiligten erzielen werden. Dafür ist es auch wichtig, dass sich Bezirksvertreter am Partizipationsprozess beteiligen, um zum Beispiel Fragen zu Infrastruktur zu klären und gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten.
Frage 3: Partizipation stellt das Unternehmen vor große Herausforderungen. Welche personellen und strukturellen Veränderungen sind innerhalb der Organisation erforderlich, um den Erwartungen aller Stakeholder gerecht zu werden?
(Ramona Senier, Mitarbeiterin der GESOBAU und stellv. Vorsitzende im Aufsichtsrat der GESOBAU, Betriebsrätin)
Jörg Franzen: Partizipative Prozesse setzen wir nicht nur extern um, sondern haben sie inzwischen in vielen Bereichen in unserem Unternehmen etabliert. Dadurch können wir Entwicklungen und Maßnahmen gezielter und qualitativ hochwertiger gestalten und aktives Handeln fördern. Zu diesem Zweck haben wir uns personell verstärkt und uns mit der Stabsstelle Mieterrat und Interne Kommunikation passend aufgestellt. 2019 werden wir zudem eine Stelle besetzen, die speziell mit allen Belangen zur Bürgerbeteiligung im Unternehmen betraut wird. Der dadurch entstehende Mehraufwand ist für uns eine Investition in die Zukunft, die wir gerne tätigen. Er ist für uns eine zusätzliche Motivation, Partizipation in jedem Prozessschritt mitzudenken und dieses Vorgehen in den kommenden Jahren gezielt auszubauen.
Frage 4: Gibt es bei der GESOBAU Pläne, die Kooperation mit ehrenamtlichen Initiativen weiter auszubauen? Welchen Beitrag müssen die Partner leisten, damit Beteiligung und Kooperation weiterhin erfolgreich ausgestaltet werden können?
(Tilman Bemm, ehrenamtlicher Mediator in der Konfliktagentur im Sprengelkiez (Kooperationspartner der GESOBAU))
Jörg Franzen: In unseren Quartieren finden wir vielfältige Bewohnerstrukturen vor, die einerseits das Bild einer vitalen Stadtlandschaft prägen, uns andererseits aber durch ihre unterschiedlichen Bedürfnisse und Ansprüche vor Herausforderungen stellen. Kooperationen mit ehrenamtlichen Initiativen sind ein wertvoller Bestandteil unserer Quartiersarbeit, über die wir unseren Mietern zahlreiche Leistungen, die außerhalb unseres Kerngeschäfts liegen, anbieten können. Mit unseren Leistungen wollen wir soziale Netzwerke und Dienstleistungen aufbauen, soziale, kulturelle, ökonomische und gesundheitsfördernde Möglichkeiten verbessern sowie soziale Angebote mit den Bestandsinvestitionen der GESOBAU verknüpfen. Denn Investitionen in das Miteinander und in soziale Partnerschaften sind uns genauso wichtig wie Investitionen in den Bestand.
Christian Wilkens: Bei unseren Unterstützungsaktivitäten knüpfen wir nach Möglichkeit an vorhandenen Strukturen an, zum Beispiel über die Bereitstellung von Mitteln oder Räumlichkeiten. Dabei kooperieren wir auch sehr gerne mit Organisationen und Akteuren vor Ort. In der Aktivierung unserer Mieterschaft sehen wir noch größere Potenziale. Daher nutzen wir die Möglichkeit, bestehendes Engagement zu unterstützen, zu verstetigen und durch einen regelmäßigen Austausch den Informationsfluss zu vorhandenen Angeboten in unserer Mieterschaft zu sichern.
Jörg Franzen: Dabei wollen wir Beziehungen auf Augenhöhe. Um dies zu zeigen, beteiligen wir uns an Gesprächen, Zukunftswerkstätten, Planungsrunden oder Workshops, stellen unsere langjährige Expertise zur Verfügung und geben Einblick in die wohnungswirtschaftliche Praxis. Im Gegenzug nutzen wir den Austausch mit unseren Sozialpartnern, um andere Sichtweisen und Blickwinkel auf soziale Prozesse, lokale Entwicklungen, veränderte Rahmenbedingungen und zivilgesellschaftliche Forderungen zu erhalten. Hierfür wünschen wir uns einen kontinuierlichen Austausch mit unseren Ansprechpartnern der sozialen Quartiersentwicklung und die Bereitschaft der Partner, Projekte in unseren Beständen umzusetzen und dabei unser Ziel lebendiger Quartiere mitzuverfolgen. Für uns ist klar, dass kulturelle und soziale Vielfalt für alle von Vorteil ist: Sie fördert Offenheit, Zusammenarbeit und Dialogbereitschaft im Unternehmen, in unserer Belegschaft und in unserer Mieterschaft.
Frage 5: Was unternimmt die GESOBAU, um in Zeiten des Baubooms und der Weiterentwicklung ihrer Quartiere bedrohte Vögel und Insekten und deren Lebensräume zu schützen?
(Marianne Grabowsky, Mitarbeiterin im Netzwerk Märkisches Viertel und Seniorennetz)
Christian Wilkens: Alle Bautätigkeiten und Arbeiten in unseren Quartieren führen wir selbstverständlich gesetzeskonform durch. Das beinhaltet auch die Naturschutzgesetze. Zum Beispiel dürfen von März bis September – also während der Brutzeit von Vögeln – keine Baumfäll- oder Schnittarbeiten durchgeführt werden. Für Baumfällarbeiten sind ein ornithologisches Gutachten sowie eine Genehmigung des Umwelt- und Naturschutzamtes des Bezirksamts Voraussetzung. Wird ein Baum gefällt, führen wir Ausgleichspflanzungen rund um das betreffende Wohngebäude durch.
Jörg Franzen: Wir ergreifen natürlich auch darüber hinaus Maßnahmen, um die Biodiversität zu schützen und zu fördern. Aktuell planen wir beispielsweise ein Insektenschutzprogramm, über das wir die Rahmenbedingungen für die Insekten aktiv in unseren Bau- und Flächenplanungen berücksichtigen. Die Implementierung des Programms ist für das Jahr 2019 vorgesehen. Auf dem „Stadtgut Hellersdorf“ haben wir vor Beginn der Abbrucharbeiten Nistkästen aufgehängt, um Fledermäusen und gefährdeten Vogelarten Schutzräume zu bieten. Darüber hinaus engagieren wir uns in Umweltschutzprojekten wie zum Beispiel bei der Kampagne „Stadtbäume für Berlin“ des Berliner Senats und der Berliner Bezirke.